Olympia 2016

Olympisches Turnier in Rio

Ziel erreicht, aber …  – es war gar noch mehr drin

Rio – Eine Bronzemedaille, ein fünfter- und ein siebter- und ein neunter Rang; das ist die Ausbeute der deutschen Ringer bei den Olympischen Spielen in Rio.
Die deutschen Ringer haben ihr selbst gestelltes Ziel, eine Medaille zu erkämpfen erreicht, doch bei allem ‚Wenn und Aber‘ die Chance auf bessere Platzierungen – vielleicht auch auf eine zweite Medaille war zweifelsfrei vorhanden.

Für die deutschen Ringer verlief das olympische Turnier insgesamt sehr erfolgreich; bravourös die Leistung von Denis Kudla (85 kg/VfK Schifferstadt), mit der er Bronze gewann, auch Eduard Popp (125 kg/VfL Neckargartach) stand dem erst 21-jährigen Kudla in Nichts nach, sein 5. Platz war ebenso Weltspitze. Ärgerlich die Fußverletzung von Frank Stäbler (66 kg/TSV Musberg), für diesen sympathischen Sportsmann platzte damit der Traum von einer olympischen Medaille, der sich trotzdem noch bis auf den 7. Platz in seinem Limit kämpfte. Alle drei deutschen Griechisch-Römisch-Spezialisten unter den Top-Ten – mit dem I-Tüpfelchen, der Bronzemedaille durch Denis Kudla.

Der erst 21-jährige Denis Kudla kämpfte sich in die Herzen vieler Sportbegeisterter, selbst die Moderatoren des ZDF sagten nach dem Interview, „… der kann gerne wieder kommen „!

Kudla hatte zunächst den kirgisischen Routinier Zhanarbek Kenzheev (KGZ) mit 2:0 bezwungen. Den ersten, richtigen ‚Krimi‘ landete der Schifferstädter gegen Robert Kobliashvili (GEO), den er mit 1:1, bedingt durch die letzte Wertung bezwang. Es folgte die klare Niederlage gegen den überragenden Russen Davit Chakvetadze, der später im Finale Weltmeister Zhan Beleniuk (UKR) vorzeitig bezwang. Denis Kudla konnte über die Hoffnungsrunde erneut ins Kampfgeschehen eingreifen. Der junge ‚Kran von Schifferstadt‘ lieferte sich mit dem Iraner Habibollah Akhlaghi einen spannenden Kampf, der einmal mehr 1:1 endete. Auch diesmal holte Kudla den letzten Wertungspunkt und damit den knappen Sieg, der ihn ins kleine Finale um Bronze katapultierte. Dort stand er Viktor Lörincz (HUN) gegenüber. Eine halbe Minute vor Ende des Kampfes führte der Ungar noch mit 3:2, als Denis Kudla noch einmal alles aus sich heraus holte und die Kampfrichter Lörincz eine Passivitäts-Verwarnung gaben. Mit diesem Zähler zum 3:3 holte der DRB-Starter das begehrte, olympische Edelmetall, dass er nach eigener Aussage nun mindestens einen Monat nicht ablegen will.

Eduard Popp startete ordentlich durch, der deutsche Schwergewichtler bezwang Nurmakhan Tinaliyev (KAZ) mit 1:0, der Schwergewichtler vom VfL Neckargartach bezwang im Viertelfinale Bashir Babajan Zadeh (IRI) durch eine sehenswerte Rolle im Bodenkampf mit 3:1. Seinen Halbfinalkampf verlor Popp gegen Weltmeister Riza Kayaalp (TUR), damit stand der deutsche Ringer im kleinen Finale um Bronze. Dort das böse Erwachen gegen den Sabah Shariati (AZE), als Popp beim Versuch eine Rolle im Bodenkampf zu kontern, geschultert wurde.
Der 5. Platz von Eduard Popp – wie die Bronzemedaille von Denis Kudla, Weltspitze !

Viel vorgenommen hatte sich Frank Stäbler (66 kg/TSV Musberg), der amtierende Weltmeister bezwang zunächst Edgaras Venckaitis (LTU), doch schon im Viertelfinale kam das vorzeitige Aus. Beim Duell zwischen Frank Stäbler und Davor Stefanek (SRB) standen sich die beiden Weltmeister von 2015 und 2014 gegenüber, Stefanek holte durch einen Wurf frühzeitig wichtige Punkte, die Stäbler trotz Willensstärke und Kampfgeist nicht mehr aufzuholen vermochte. Stefanek kämpfte sich bis ins Finale, Stäbler stand damit in der Hoffnungsrunde. Doch auch dort musste sich der verletzungsbedingt angeschlagene Stäbler dem Japaner Tomohiru Ionue beugen, als er kurz vor Kampfende von der Kampffläche geschoben wurde und mit 2:2 Punkten, durch die zuletzt vergebene Wertung unterlag.

Von den vier DRB-Damen schaffte es nur Aline Focken (69 kg/KSV Krefeld) unter die besten Zehn, doch die Weltmeisterin von 2014 hatte sich mehr vorgenommen. Das stellte sie mit ihrem Auftakt-Sieg über die Vizeweltmeisterin des Vorjahres Zhou Feng (CHN) unter Beweis. ‚Angstgegnerin‘ Jenny Fransson (SWE) riss die Deutsche aus allen Medaillenträumen und drehte mit ihrem Sieg den Spieß um, denn bei den Weltmeisterschaften 2015 hatte Aline Focken gewonnen und stand am Ende auf dem Bronzerang. Dann der Schock auf der Tribüne im deutschen Lager, als die Schwedin im Halbfinale unterlag. Damit konnte Aline Focken auch nicht mehr über die Hoffnungsrunde ins Geschehen eingreifen, wo sie zumindest noch Chancen auf Bronze gehabt hätte. Tränen am Ende und die Erkenntnis, das es oftmals nur eine Nuance ist, die über Sieg und Niederlage entscheidet.

Das es schwer werden würde, wusste Maria Selmaier (75 kg/KSC Motor Jena) schon nach der Auslosung, unmittelbar nach dem Wiegen. Mit Erika Wiebe (CAN) wartete eine der internationalen Spitzenathletinnen dieser Kategorie auf die Saalestädterin, die sich gegen die DRB-Ringerin im Auftaktduell klar durchsetzte. Die Kanadierin kämpfte sich ins Finale, so dass Maria Selmaier in der Hoffnungsrunde weiterkämpfen konnte. Aber auch das zweite Duell des Tages verlor die Ringerin aus dem Leistungszentrum Jena. Gegen die starke Chinesin Zhang Fengliu, die sich später noch Bronze sicherte, unterlag die DRB-Ringerin vorzeitig.

Chancenlos war Luisa Niemesch (58 kg/SVG Weingarten), die in ihrem Auftaktduell gleich gegen Valeriia Koblova (RUS) unterlag. Wie stark die Russin an diesem Tag war zeigte, dass sie im Finale die Japanerin Kaori Icho an den Rand einer Niederlage brachte. Luisa Niemesch konnte bedingt durch die Finalteilnahme der Russin in der Hoffnungsrunde weiterkämpfen, wo sie allerdings von Orkhon Purevdorj (MGL) geschultert wurde. Damit verabschiedete sich die Nordbadenerin endgültig aus dem olympischen Turnier.
Nina Hemmer (53 kg/AC Ückerath) verlor ihren Auftaktkampf gegen Zhong Xuechun (CHN) mit 1:6 Wertungspunkten und schied aus, da die Chinesin nur ein Duell später unterlag und damit keine Chance mehr hatte, das Finale zu erreichen.
Ringen wuchtet sich zurück ins olympische Programm

Deutsche Freistilringer hatten sich nicht für das olympische Turnier qualifiziert, doch es hätte nicht viel gefehlt und Ringen wäre als eine der ältesten Sportarten der Welt, bei den Olympischen Spielen in Rio 2016 insgesamt zum Zuschauen verdammt gewesen. Im Februar 2013 wurden die Ringer von der Nachricht der IOC-Exekutive überrascht, dass freier Ringkampf und griechisch-römischer Stil der Männer, sowie die Ringerfrauen von der olympischen Landkarte gestrichen werden sollen. Eine riesige Welle der Entrüstung lief rings um den Erdball, selbst der Iran und die USA schlossen sich im gemeinsamen Kampf um den Erhalt einer ihrer Nationalsportarten zusammen. Petitionen wurden eingereicht, weltweit demonstrierten Ringer für ihre Sportart, selbst die Präsidenten Putin und Obama schalteten sich ein.
Vor allem der Weltverband der Ringer wischte in der Folge ordentlich Staub, Der Serbe Nenad Lalovic löste den Schweizer Raphael Martinetti ab, der Wechsel an der Spitze brachte viele Reformen. Seither hat sich das Ringen verändert, selbst die Ringermatten und die Trikots der Akteure bekamen neue Farben, Regelwerk und Gewichtsklassen wurden geändert und der Frauenringkampf bekam mehr Gewicht in der einstigen Männerdomäne.
Neben den großen Ringernationen kämpfte auch die deutsche Ringerfamilie um den Verbleib der wohl ältesten Kampfsportart im olympischen Programm, Unterschriftensammlungen, Aufrufe wurden deutschlandweit gestartet, am Brandenburger Tor in Berlin demonstriert und auch der deutsche Bundestag befasste sich mit den Ringern, die sogenannte Randsportart trat für einige Wochen und Monate aus der Nische heraus, war selbst in den großen Medien präsent.
Im September 2013 dann die Erleichterung, als Ringen noch im gleichen Jahr durch den Beschluss der IOC-Mitgliederversammlung auf die olympische Bühne zurück kehrte – wenn auch mit Bewährung bis 2028. Das bis dahin Ringen wieder fest im olympischen Programm verankert ist, dessen ist man sich auch in Deutschland sicher, denn Nenad Lalovic macht weiter einen guten Job, fährt seinen Reformkurs stetig weiter. Die Kämpfe in Rio haben gezeigt, dass Lalovic dabei auf dem richtigen Weg ist.

Jörg Richter