ACL Urgestein Tobias Schütz hat seine Schuhe an den Nagel gehängt

Verlieren fängt im Kopf an

Im letzten Saisonduell der Ringer-Bayernliga 2016 schaffte der AC Lichtenfels Mitte Dezember durch ein 12:14 beim SC Unterföhring eine Art Wunschresultat, denn nach dem 15:9 im Hinkampf brachten die Korbstädter damit bei Punktgleichheit durch den besseren direkten Vergleich die Meisterschaft und den ersehnten Aufstieg in die bayerische Oberliga unter Dach und Fach.

Für ihn war es der letzte Kampf seiner aktiven Zeit, für uns ein Grund, ihm einige Fragen über das Ringen, das Aufhören-Können, „seinen“ ACL, das Trainersein und das Sporteln nach der Karriere zu stellen.

Dieses letzte Duell beim Saisonfinale in Unterföhring, als Sie nach dem Schlussgong die Schuhe auszogen und von Trainer Ali Hadidi von der Matte getragen wurden – stimmt der Eindruck, dass hier jemand mit sich und seinem sportlichen Lebenswerk aber so richtig im Reinen war?

Kann man so sagen. Mir war klar: „Meinen letzten Kampf verlieren, das darf nicht sein.“ Und leicht war das weiß Gott nicht. Mein Gegner war ein richtiger Bolzer und Tempomacher, der nicht unbedingt Techniken anbringen wollte, sondern meine Passivitäts-Disqualifikation anstrebte. Er hat mich an meine Grenzen gebracht, zumal mein Fitnesszustand aufgrund von Verletzungen und Hausumbau nicht gerade großartig war. Ich halte es aber immer mit dem Spruch: „Verlieren fängt im Kopf an.“ Das heißt: Wenn man merkt, man bricht langsam ein, muss der Wille quasi das Kommando übernehmen, damit man seiner Taktik treu bleiben kann. Oft kann es ein einziger falscher Schritt sein, und der Gegner jagt einen von einer Ecke in die andere. Und dann bricht man erst recht ein.

Jetzt können Sie es ja mal verraten: Die taktische Ausrichtung im griechisch-Ringen ist für einen Außenstehenden nicht immer ganz leicht zu erkennen. Lassen Sie uns mal hinter die Kulissen eines Kampfplans schauen.

Das ist ein sehr komplexer Prozess. Das griechisch-Ringen hat sich die letzten Jahre schon verändert. Gerade die Griffabwehr ist bei vielen besser geworden. Manchmal kann die Vorbereitung für einen Griff 40 Sekunden und länger dauern und es wird doch nichts draus. Doch natürlich ist auch der Bodenkampf eine Option. Es geht aber insgesamt für mich darum, einen Kampf „zu lesen“. Das heißt: Schwächen des anderen zu erkennen, etwa stereotype Bewegungsmuster, Fassen des Handgelenks, Standbeinbelastung oder ähnliches. Dann arbeitet man eventuell auch mit Finten, um den Gegner in eine Sackgasse zu locken.

Das Aufhören-Können im Sport ist ja so eine Sache. Die einen – wie Rennfahrer Nico Rosberg – schocken die Öffentlichkeit, weil sie auf dem Gipfel ihres Schaffens unvermittelt Tschüss sagen, andere verpassen den rechten Moment. Wie beurteilen Sie den Zeitpunkt in Ihrem Fall?

Keine Frage: Es ist nicht leicht, sich selbst einzugestehen, wann es genug ist. Die Außenstehenden sehen ja nur den sportlichen Wettkampf, bei uns nur den Sechs-Minuten-Kampf. Sie sehen aber nicht, was an Training, Regeneration, Gewichtmachen, Auswärtsfahrten usw. dahintersteckt. Für mich gesprochen war es einfach der perfekte Abschluss. Erstens: Es zwickt physisch eh überall. Zweitens: Familie und Beruf stehen bei mir ab sofort ‚mal an erster Stelle. Und drittens: Hey, wir sind aufgestiegen! Ich habe heuer keinen Kampf verloren. Wir haben eine super Mannschaft, unter anderem mit talentierten Jungen wie Mario Petrov und Dominik Sohn, mit den beiden Lurz-Brüdern, erfahrenen Kräften, den Neuzugängen und so weiter. Und in meiner Gewichtsklasse entsteht auch kein Vakuum.

Gutes Stichwort: Ihren Nachfolger in der 86-Kilo-griechisch-Klasse haben Sie ja im Prinzip selbst aufgebaut. Junioren-Europameister Hannes Wagner kehrt aus der Bundesliga nach Lichtenfels zurück.

Richtig. Ich bin jetzt seit zehn, elf Jahren sein Trainer und muss sagen, er hat gerade die letzten zwei Jahre eine super Entwicklung genommen. Kann gut sein, dass er der „local hero“ wird, den man sich bei uns immer wünscht.

Und Ihr Sporttreiben nach der aktiven Zeit?

Ich muss ja schon deswegen fit bleiben, um für den Hannes ein manierlicher Trainingspartner zu bleiben.

„Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren“, heißt eine der vielen Redensarten bei den Ringern. Ist das Ringen auch eine Lebens- bzw. Charakterschule?

Ganz klares Ja. Wir sind Kampfsportler und – nicht zu vergessen – auf der Matte ganz allein, wir setzen uns Ziele, wollen das Maximum erreichen, vorwärts kommen, Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen, auch für unsere Gruppe – nicht das Schlechteste, auch wenn man grad keine Ringerschuhe anhat.

Gibt’s noch ein Schlusswort?

Ich finde, ehemalige Ringer sollten grundsätzlich versuchen, im Vereinsleben aktiv dabeizubleiben. Ich bringe mich seit ein paar Wochen als Trainer bei den Bambinis mit ein. Man kann dem Verein dadurch etwas zurückgeben. Und ein Letztes noch: Dankbar bin ich, meinen Eltern für die zahllosen Fahrdienste in meiner Jugend, meinen Trainern Hans Wegner, Horst Koch und Ali Hadidi, die mich geprägt haben. Und nicht zuletzt den Fans, den Sponsoren und meinen Kameraden – das ist es!

Abgang_2

 Abgang_4

Abgang_5 

Abgang_6

Abgang_7 

Abgang_10

Bilder: HDVT1 Kay David Jordan